Vor einer leeren Seite zu stehen ist eine vertraute Erfahrung für fast jeden Schriftsteller. Die Frage „Wo fange ich an?“ kann lähmend wirken. Was, wenn der Schlüssel, um deine Kreativität freizusetzen, keine komplexe Antwort wäre, sondern eine einfache Frage: „Was wäre, wenn?“.
Diese beiden scheinbar unschuldigen Wörter gehören zu den mächtigsten kreativen Übungen für jeden Geschichtenerzähler. Sie sind das Portal zu alternativen Universen, überraschenden Enden und unvergesslichen Figuren.
In diesem Artikel zeigen wir dir, wie du diese Technik nutzen kannst, um deine Kreativität zu entwickeln, einzigartige Geschichten zu erschaffen und dich von kreativen Blockaden zu verabschieden. Viel Spaß beim Lesen!
Was sind „Was-wäre-wenn“-Übungen und warum funktionieren sie?
Die „Was-wäre-wenn“-Übungen sind im Kern strukturierte Vorstellungsspiele. Dabei nimmst du ein Element der Realität oder einer sich entwickelnden Geschichte und störst es, indem du eine grundlegende Variable veränderst.
Das Geniale an dieser Technik liegt in ihrer Einfachheit. Sie verlangt nicht, dass du bereits eine vollständig ausgearbeitete Idee hast; sie verlangt nur, dass du eine Frage stellst. Das menschliche Gehirn ist von Natur aus darauf ausgelegt, Antworten zu suchen und Muster zu vervollständigen. Wenn du ein „Was wäre, wenn“ stellst, aktivierst du diesen kognitiven Mechanismus im Dienst deiner Kreativität.
Es ist ein Training, das den Muskel der Innovation stärkt und dir Folgendes ermöglicht:
- Klischees durchbrechen: indem du die üblichen Konventionen eines Genres infrage stellst.
- Konflikte finden: Jede Veränderung erzeugt Konsequenzen, und Konsequenzen erzeugen Konflikt – das Herzstück jeder guten Geschichte.
- Ideen kombinieren: Ein „Was wäre, wenn“ kann zwei völlig unterschiedliche Konzepte verbinden und dabei etwas völlig Neues erschaffen.
In der Praxis: Wie du das „Was wäre, wenn“ in deinem Schreiben anwendest
Schauen wir uns an, wie sich diese Technik in den verschiedenen Phasen der Entwicklung einer Geschichte zeigt.

1. Für den Weltenbau (Worldbuilding)
Genau hier entfaltet das „Was wäre, wenn“ seine größte Wirkung bei der Entwicklung origineller Prämissen.
- Einfaches Beispiel: „Was wäre, wenn die Menschheit auf dem Meeresgrund leben würde?“
- Abgeleitete Fragen (die „Was-wäre-wenns“ innerhalb des „Was wäre, wenn“):
- Was wäre, wenn Sauerstoff wie eine Währung gehandelt würde?
- Was wäre, wenn Tiefseekreaturen als Gottheiten verehrt würden?
- Was wäre, wenn der Wasserdruck die Kommunikation beeinträchtigen und Telepathie notwendig machen würde?
2. Für die Entwicklung von Figuren
Teste die moralischen und emotionalen Grenzen deiner Figuren.
- Einfaches Beispiel: „Was wäre, wenn mein feiger Held in einem entscheidenden Moment nicht fliehen würde?“
- Abgeleitete Fragen:
- Was hat ihn dazu gebracht, seine Meinung zu ändern? War es eine Person, eine Erinnerung?
- Wie verändert diese unerwartete Handlung die Wahrnehmung der anderen von ihm?
- Welche katastrophalen oder ruhmreichen Konsequenzen hat diese Tat?
3. Für die Erzählstruktur
Experimentiere mit der Art und Weise, wie die Geschichte erzählt wird.
- Einfaches Beispiel: „Was wäre, wenn ich eine Geschichte ganz ohne Dialoge schreiben würde?“
- Abgeleitete Fragen:
- Wie würdest du Emotionen und Spannung nur durch Handlungen, Empfindungen und Gedanken vermitteln?
- Würde sich dieser Stil für einen Spannungsthriller oder ein introspektives Drama eignen?
- Welche sprachlichen Mittel könnte ich verwenden, um die Dialoge zu ersetzen?
Das tägliche „Was wäre, wenn“: warum Schreiben zur Gewohnheit werden sollte
Was nützt eine mächtige Technik, wenn sie nicht geübt wird? Kreativität ist wie ein Muskel: Sie braucht ständiges Training, um stark und beweglich zu bleiben.
Die „Was-wäre-wenn“-Übungen in deine Routine zu integrieren, ist der effektivste Weg, sie von einem gelegentlichen Werkzeug in eine unerschöpfliche Ideenquelle zu verwandeln. Nimm dir nur 10 Minuten am Tag für ein „Was-wäre-wenn-Notizbuch“. Es muss nichts Großartiges sein. Frag dich selbst:
- „Was wäre, wenn meine Figur mit einer Tätowierung aufwachen würde, an die sie sich nicht erinnert?“
- „Was wäre, wenn die Schatten an den Wänden anfangen würden, Ratschläge zu flüstern?“
- „Was wäre, wenn die romantische Komödie, die ich gerade schreibe, sich plötzlich in einen Thriller verwandeln würde?“
Bei dieser Gewohnheit geht es nicht darum, jeden Tag ein Kapitel zu schreiben. Es geht darum, den Geist im kreativen Akt engagiert zu halten. Diese kleinen täglichen Übungen halten die Türen der Wahrnehmung offen und lassen dich überall um dich herum erzählerische Möglichkeiten erkennen – in einer Zeitungsmeldung, in einem Gespräch bei einem Kaffee, auf dem Weg zur Arbeit.
Bonustipp: treib das „Was wäre, wenn“ auf die Spitze
Wenn du glaubst, bereits eine gute Idee zu haben, zwing dich, noch einen Schritt weiterzugehen. Nimm die Antwort auf dein erstes „Was wäre, wenn“ und stell eine weitere Frage. Und dann noch eine. Genau in dieser Vertiefung findest du die wirklich einzigartigen und überraschenden Ideen.
Ausgangsidee: Was wäre, wenn sich die Haushaltsroboter auflehnen würden? (Ein Klischee).
Vertiefte Version: Was wäre, wenn die Roboter bei ihrer Rebellion uns nicht verletzen, sondern uns zu unserem „eigenen Wohl“ regieren wollten, basierend auf einer unerbittlichen Logik? Was wäre, wenn sie dafür entscheiden würden, dass menschliche Emotionen ein Virus sind, und eine „Heilung“ dafür entwickeln würden? Jetzt hat die Geschichte deutlich interessantere Ebenen gewonnen.
Fazit: fragen, erschaffen, schreiben
Die „Was-wäre-wenn“-Übungen sind mehr als eine Technik; sie sind eine Denkweise. Es geht darum, sich selbst die Erlaubnis zu geben, zu erkunden, zu scheitern, alberne Fragen zu stellen und Juwelen inmitten des Chaos zu entdecken.
Wenn dich das nächste Mal die leere Seite anstarrt, verzweifle nicht. Atme tief durch und beginne mit der mächtigsten Frage des kreativen Universums: „Was wäre, wenn …?“
Deine nächste großartige Geschichte wartet hinter dieser einfachen Frage.
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